Heimkino


SCHLAF (2020)

Eine geruhsame Nacht!?

 Bild: @ Salzgeber & Company Medien

Absolut jeder hatte schon einmal einen Albtraum, der nicht enden wollte und einen noch lange bis in den Tag verfolgt hat… Genau, dieses unangenehme, ekelige Gefühl erschafft der Film SCHLAF. Eigentlich mag ich keine Horrorfilme, aber dieser hier...

 

Marlene glaubt, die Albträume, die sie hat, wären Realität. Marlenes Tochter, Mona, macht sich deswegen große Sorgen. Ohne ihr Wissen fährt Marlene an den Ort, ein Hotel in einem abgelegenen Kaff, von dem sie immer träumt. Dort erleidet sie einen Schock und muss ins Krankenhaus. Schnell versteht Mona, dass sie ihrer Mutter am Krankenbett nicht helfen kann und so nimmt sie sich, auch weil es nicht wirklich Alternativen gibt, selbst ein Zimmer in dem besagten Hotel. Es dauert nicht lange und sie hat selbst die gleichen Träume wie ihre Mutter. Auf den ersten Blick keine typischer Plot für einen Horrorfilm.

 

Und genau das macht den Film so besonders. Im Vordergrund steht nicht der bloße Horror. SCHLAF arbeitet nicht mit billigen Jumpscares und Ekel, sondern er baut langsam eine Stimmung auf, die verstörenden, wie schön absurden Horror zulässt.

Die Vergangenheit holt die Gegenwart ein. Es geht um Vererbung von Traumata, die in Träumen die nächsten Generationen, Mona und ihre Mutter, heimsuchen. Die Schuld will nicht mehr schweigen.

Der Film packt einen genau da, wo es besonders unangenehm ist: In unserem wohlverdienten Schlaf! Natürlich wurde dieses Thema schon etliche Male über die Leinwand gejagt, Freddy Krueger lässt grüßen, aber dieser Film geht einen Schritt weiter. Es geht um Alpträume, die generationsübergreifend agieren. Ein absolute Horrorvorstellung! Der Film stellt  das glaubhaft und herrlich gruselig da, mit einer leichten Prise Humor. 

Nicht nur etwas für Horrorfans!

 

Für ein paar Euro im Salzgeber Club auf Vimeo!

 

Deutschland/101 Minuten

Regie: Michaek Venus

Text: © Clara Wignanek


NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS (2020)

Das Schweigen eines jungen Mädchens

Bild: @ UNIVERSAL PICTURES GERMANY

In dem amerikanischen Drama NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS ist die 17-jährige Autumn schwanger. Auf die Unterstützung ihrer Eltern kann sie nicht bauen, also reist sie heimlich mit ihrer Cousine Skylar nach New York, um das Kind abtreiben zu lassen. Doch das wird schwieriger als gedacht.

 

Im Deutschen trägt er den Titel NIEMALS MANCHMAL SELTEN IMMER. Finde ich etwas sperrig als den englischen Titel und ich muss zugeben, am Anfang war ich nicht so ganz überzeugt von diesem Film, da ich nicht ausmachen konnte, wo er hin wollte. Aber dann spielt sich dieses stille, unscheinbare Mädchen, gespielt von Newcomerin Sidney Flanigan, so langsam und tief ins Herz, dass es nur einen kurzen Moment braucht, dass einem die Tränen in die Augen schießen. Man versteht plötzlich, wieso sie dieses Kind nicht bekommen will, nicht bekommen kann und warum sie so lange geschwiegen hat. 

Der Film zeigt Autumns mutigen Weg in so einer Detailgenauigkeit, dass es oft nicht zu ertragen ist. Dabei ist die Kamera meist ganz nah und sucht nach einer Regung, einer Emotion, die dieses stille Mädchen so tief in sich vergraben haben muss, dass es weh tut. Der Film braucht keine großen Worte, keine Reden, keine Statements, sondern nur das Schweigen zweier Freundinnen, um so einem tabuisierten Thema so viel Stimme zugeben.

NEVER RARELY SOMETIMES ALAWAYS ist ein unbequemer, aufwühlender und wichtiger Film, den das Thema Abtreibung hatte so eine Geschichte auf der Leinwand bitter nötig. Er romantisiert nicht, aber dramatisiert auch nicht, sondern zeigt die Realität, zeigt das Schicksal von vielen jungen Frauen, welches sonst oft im Verborgenen bleibt. Ein Zustand, den wir nicht länger dulden können, ganz klar!

Zurecht wurde dieses mitreißende Drama mit Applaus und stehenden Ovationen auf der Berlinale gefeiert.

 

Als DVD & Stream auf Amazon erhältlich!

 

>>> Trailer & Meine Filmkritik auf YT

 

USA, Großbritannien/104 Minuten

Regie: Eliza Hittman


THE ASSISTANT (2019)

Vor aller Augen

Bild: @ Ascot Elite Filmverleih

Jane (Julia Garner) hat einen Job als Assistentin bei einem mächtigen Unterhaltungs-Mogul. Ihr Tag ist geprägt von Kopieren, Kaffeekochen und Telefonieren. Doch obwohl sie erst seit Kurzem dort arbeitet, wird für sie der Missbrauch an jungen Frauen durch ihren Chef immer offensichtlicher, bis Jane es nicht mehr ertragen kann.

Die Geschichte basiert auf den Erfahrungen einer ehemaligen Assistentin von Filmproduzent Harvey Weinstein.

Obwohl die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, scheint ihr die Rolle auf den Leib geschrieben zu sein. Sie ist die stille dritte Hand eines mächtigen Mannes, den man übrigens nie zu Gesicht bekommt. Ebenso haben die Geschäftsmänner, die bei ihm ein und aus gehen durch geschickte Bildausschnitte keine Köpfe, was seitens der visuellen Gestaltung, aber auch für den Plot, ein schönes, unverbrauchtes Detail ist. So bekommt der Täter, aber auch die, die schweigen, etwas Bedrohliches, etwas Unantastbares.

Ebenso ist erfrischend, dass die Handlung an einem einzigen Tag stattfindet. Man braucht nur einen Tag, um als Zuschauer zu verstehen, dass hier etwas falsch läuft. Unterschützt wird dieses Gefühl von diesen kleinen Gesten, Blicken und Momenten, die in ihrer Gesamtheit so viel Sprengkraft besitzen, dass das Schweigen und die Untätigkeit irgendwann unerträglich werden.

Jeder weiß es, aber alle machen weiter und das ist einfach schockierend. Wie ein Virus verschlingt das Wegsehen jeden, der diesen Strukturen zu nahe kommt. Und so ist auch Jane keine Heldin im üblichen Sinne, denn der Film erzählt authentisch und nachvollziehbar ihre Hilflosigkeit. Er lässt ein Stück weit verstehen, wie Männer wie Weinstein so lange unbehelligt weitermachen konnten. Er entschuldigt nicht das Schweigen, aber erklärt zumindest, warum so lange niemand etwas gesagt hat.

 

Endlich hat der Film einen Verleih gefunden und am dem 13. November gibt es ihn auf DVD!!!

 

Regie: Kitty Green

USA/88 Minuten


Undine (2020)

Kommt ein Wassernixe nach Berlin

Bild: © Entertainment One Germany (eOne)

Petzolds Vorliebe für vertrackte Situationen konnte man ja schon in der Romanverfilmung TRANSIT bewundern. Nun widmet sich der Regisseur einer weniger bekannten Sagenfigur. Und er hat sich wieder für Paula Beer entschieden. Dieses Mal aber in der Hauptrolle.

Undine lebt eigentlich ein gewöhnliches Leben. Sie arbeitet als Historikerin und hält Vorträge zur Architektur Berlins. Als sich aber ihr Freund Johannes von ihr trennt, beginnt das Unheil. Denn ein Fluch besagt, dass Undine den Mann töten muss, der sie hintergeht, um dann ins Wasser zurückzukehren. Doch Undine ist eine moderne Frau und will sich nicht der Vorherbestimmung beugen. Und als sie auf Christoph trifft, ist Johannes auch schnell vergessen. Aber kann Undine ihrem Schicksal wirklich einfach so davonlaufen?

 

Petzold kommt gleich zur Sache. Während noch der Vorspann läuft, macht Johannes mit Undine Schluss. Diese Klarheit und Direktheit durchziehen nicht nur den darauf folgenden Plot, sondern ebenso die bewusst gesetzten Bilder. Gleichzeitig traut sich der Film Langsamkeit und er ist sich seines Gegenstandes wohl bewusst. Undine ist eine Sagenfigur, die eigentlich in unserer modernen Realität keinen Platz mehr hat. Und so schafft es Petzold, aber vor allem Paula Beer, die Geschichte immer zwischen Realität und Mythos schweben zu lassen.

Welche besondere Beziehung Petzold zur architektonischen Geschichte Berlins hat und warum das unbedingt in den Film rein musste, leuchtet mir zwar nicht ganz ein, aber auch das verpackt Paula Beer als Undine charmant und unaufdringlich. Es bleibt immer noch genug Platz für die eigentliche Geschichte.

Ebenso überrascht der leicht humoristische Ton, der ab und zu gekonnt an die Oberfläche tritt. Das löst ein bisschen die Ernsthaftigkeit und so kann sich UNDINE vom steifen Deutschen Film abgrenzen.

Aber ich hätte mir ein knackigeres Ende gewünscht. Es gibt einen bestimmten Moment, gegen Ende, als eine kurze Schwarzblende erfolgt und man könnte meinen, es sei vorbei... Man versteht zwar mit der Zeit, wieso es so nicht enden konnte, aber eine Art Mittelweg hätte dem Film vielleicht gut getan. Es zieht sich nämlich zum Ende ein ganz kleines bisschen. Trotzdem filmisch gut gemacht und der Silberne Bär für Paula Beer ist wohl verdient!

 

Hoffentlich ab dem 2. Juli 2020 im Kino!

 

>>> TrailerMeine Filmkritik auf YT

 

Regie: Christian Petzold

Deutschland/90 Minuten

Text: © Clara Wignanek


Berlin Alexanderplatz (2020)

Beim Scheitern zusehen

Bild: © Piffl Medien GmBh

Der Roman BERLIN ALEXANDERPLATZ von Alfred Döblin wurde vor knapp 100 Jahren 1929 veröffentlicht. Solch ein Meilenstein der deutschen Literatur filmisch in die Gegenwart zu holen, ist nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich. Denn man könnte scheitern…

Trotzdem hat sich der Regisseur Burhan Qurbani mit dem Film BERLIN ALEXANDERPLATZ dieser Herausforderung gestellt.

Die Hauptfigur Francis ist aus Afrika geflohen, hat das Mittelmeer überlebt und will jetzt einfach nur, wie er selbst sagt, „gut sein“. Er landet in dem Schmelztiegel Berlin und muss nun aufpassen, dass diese gnadenlose Stadt ihn nicht verschlingt.

 

Dass es plötzlich kein Lohnarbeiter wie in der Vorlage ist, sondern ein Flüchtling ohne Pass stört überhaupt nicht. Die Härte und Erbarmungslosigkeit, die Francis entgegenschlägt, ist die gleiche. So stellt Qurbani ohne großes Aufheben den benötigten Bezug zur Gegenwart her. Trotzdem ist es kein Flüchtlingsdrama. Es bleibt bei Döblins Idee eines Mannes, der versucht das Richtige zu tun und scheitert.

Das größte Hindernis, die Kombination aus Literatur und Film gelingt hier problemlos. Jella Hasses Stimme (Mieze) streut die Sätze von Döblin über die beeindruckenden Bilder, als wären sie ihr gerade in den Sinn gekommen. So bekommt der Film diese beeindruckenden Momente, die der Madness der Großstadt Berlin einen poetischen Touch geben. Danach suchen andere gute Filme vergeblich. Qurbani hat nicht versucht einen Kompromiss zwischen Vorlage und Gegenwart zu finden, sondern hat etwas Neues erschaffen. Die Frage, ob die Romanadaption gelungen ist, stellt sich gar nicht. Der Film steht für sich und er ist mehr als gelungen! Er zerschlägt dich! Qurbani hat unberechenbare Figuren erschaffen, die mich nicht nur beunruhigt, sondern mit Angst gemacht haben.

3 Stunden lang sprudeln bis ins letzte Detail komponierte Bilder und Intensive Figuren auf dich ein, dass man am Ende das Bedürfnis hat, den Figuren gleich, selbst nach Luft zu schnappen. Die Hauptfigur Francis, alias Franz, geht durch die Hölle und wir mit ihm! 

 

Ab dem 25. Juni 2020 im Kino!

 

>>> TrailerMeine Filmkritik auf YT!

 

Deutschland/183 Minuten

Regie: Burhan Qurbani

Text: © Clara Wignanek


Little Women (2019)

Vier Frauen zum Bewundern

Bild: © Sony Picture Germany

Ich sag wie´s is: Die Romanverfilmung LITTLE WOMEN von Greta Gerwig ist einfach rund und gut erzählt! Die Zeitsprünge, die die Entwicklungen der vier Schwestern erzählen, funktionieren und strengen nicht an. Ich hatte keine Minute das Gefühl, uff die Szene zieht sich jetzt aber...

Es braucht nicht immer Action und Stuntleute um mit einem guten, unterhaltsamen Tempo, eine packende Geschichte zu erzählen. Schön, dass es solche Filme noch gibt!

Aber ich werde mir LITTLE WOMEN noch einmal ansehen. Ich glaube, dass man dann noch so viel mehr finden kann. Fertig bin ich mit ihm noch nicht. To be continued!

 

Für ein paar Euro als Stream bei z.B. Amazon Prime!

 

Regie: Greta Gerwig

USA/135 Minuten


Mein Ende. Dein Anfang (2019)

In den Händen des Schicksals

Bild: © Telepol

Hält Aron noch eben ein Vortrag in der Uni über das Phänomen des Deja vus und dem Gefühl der Vorherbestimmung, so wird er ein paar Filmminuten später bei einem Banküberfall als Geisel erschossen. Dadurch wird seine Freundin Nora völlig aus dem Leben gestoßen, wirkte es doch so, als sei ihre Begegnung mit Aron vom Schicksal vorbestimmt. Sie stürzt sich nun in gemeinsame Erinnerungen und scheint sich fast in ihrer Trauer zu verlieren. Da trifft sie wie zufällig immer wieder auf Nathan. Schicksal oder führen ihre eigenen Entscheidungen sie immer wieder zu ihm?

 

Wird man zu Beginn des Films von dem doch recht pathetisch und dramatischen Ableben Arons, inklusive Namedropping des Filmtitels, nicht gleich abgeschreckt, so zeigt der Film weiter, was er alles kann. Das herzzerreißende Spiel von Saskia Rosendahl macht den Schmerz von Nora beeindruckend greifbar und lässt einen so schnell nicht mehr los. Dazu kommt die nicht lineare Erzählstruktur, die ihre tückische Wirkung erst mit der Zeit offenbart. Doch reicht das, um dem Film und dem Schicksal der drei etwas Magisches zuzuschreiben? 

Das Schicksal schlägt in MEIN ENDE.DEIN ANFANG mit seiner ganzen Bitterkeit und Ironie zu und doch bewahrt sich die Geschichte ihre Figuren als selbstständig handelnde Individuen. Sie sind nicht Spielbälle in den Händen einer größeren Macht. Das gibt dem Film mit jeder Minute seinen Realismus ein Stück weit zurück und rettet so seine Glaubwürdigkeit. 

Auch kann er überraschen und zeigt, dass er nicht nach Schema F funktioniert, sondern geschickt mit den Erwartungen und Emotionen des Zuschauers spielen kann. Ein ordentlicher Hang zum Pathetischen hat er, aber auch einen mitreißenden Plot.

 

Erhältlich ab Juni auf DVD und als Stream!

 

>>> Meine Filmkritik auf YT

 

Regie: Mariko Minoguchi

Deutschland - 111 Minuten


La Gomera (2020)

Filmkunst aus Rumänien?

Bild: © Alamode Film

Als der Vorspann des rumänischen Agentenkrimis LA GOMERA mit dem Song THE PASSENGER von IGGY POP unterlegt wurde, dachte ich: Das kann ja nur gut werden!

Leider will der Film mehr sein, als er ist und verliert sich in Klischees des Genres Agententhriller. Zweidimensionale Figuren, eine Frau im roten Kleid als Trophäe und einfach zu viele Plottwists. Das ist nicht spannend, sondern langweilt irgendwann einfach nur. Ich hab wirklich versucht, dem Film noch etwas abzugewinnen, aber er hat mich einfach nicht abgeholt. Auch, wenn der Hauptdarsteller ein bisschen an Micheal Keaton erinnert...

 

Der Agentenkrimi LA GOMERA: Erhältlich ab Juni auf DVD und als Stream!

 

>>> Meine Filmkritik auf YT

 

Regie: Corneliu Porumboiu

Rumänien/98 Minuten


Varda par Agnès (2020)

Ein letztes Lebewohl

Bild: © Film Bild Text

Der letzte Film von Agnès Varda, die Dokumentation VARDA PAR AGNÈS, ist wohl eher als eine letzte Verbeugung vor der Kunst des Films zu sehen, als eine Retrospektive über ein langes Künstlerleben, obwohl er auch das ist. Er ist irgendwie beides!

Anders als AUGENBLICKE lässt der Film in einer Kombination von Interviews, Vorträgen und Filmausschnitten die Werke von Varda Revue passieren. Er gibt 2 Stunden lang einen tiefen Einblick in die Liebe zum Filmemachen und in die Vielfalt der Kunst und langweilt dabei keineswegs. Vardas künstlerisches Tun wirkt nicht wie das krampfhafte Suchen nach Kunst in den Dingen des Alltags, sondern sie scheint sich das Herz eines jungen Mädchens bis ins hohe Alter bewahrt zu haben. Und so führt sie mit dieser ansteckenden Leichtigkeit den Zuschauer durch ihr Leben.

Der Film gibt Preis, welche Liebe und Hingabe Kunst und Film fordern und was es bedeutet sich ein ganzes Leben damit zu beschäftigen. Das hat hier keinen tragischen Aspekt, sondern stimmt eher versöhnlich, was wohl auch daran liegt, dass Varda selbst in keinem Punkt mit ihrem Leben zu hadern scheint. Selbst im Alter hat sie sich nicht zurückgezogen, sondern widmet selbst die letzten Momente ihres Lebens nichts anderem als dem Film und der Kunst, obwohl Krankheit und Alter sie langsam in die Schranken verweisen.

Es wirkt so, als sollte man nach diesem Film keine Fragen mehr über die Person Agnès Varda haben. Als würde sie auch keine weiteren mehr zu lassen. Es ist alles gesagt und das drückt einem dann doch ein paar Tränen in die Augen. Was für ein passender, selbstbestimmter Abschluss eines bunten Lebens…

Die Dokumentation VARDA PAR AGNÈS über eine faszinierende Künstlerin, nicht nur etwas für Fans, sondern allen Liebhaber der Filmkunst.

 

Erhältlich ab Mai auf DVD und als Stream!

 

>>> Meine Filmkritik auf YT

 

Regie: Agnès Varda und Didier Rouget

Frankreich/116 Minuten


Romys Salon (2020)

Herzerwärmendes aus den Niederlanden

Bild: © Farbfilm

In dem Drama ROMYS SALON hat nicht Romy, sondern ihre Oma Stine einen Friseursalon. Bei dieser muss Romy jetzt nach der Schule ihre Nachmittage verbringen, obwohl sie sich da Spannenderes vorstellen kann. Doch langsam gewöhnen sich die beiden aneinander und bald steht Romy wie selbstverständlich hinter dem Tresen. Nur leider scheint ihre Oma Stine mit der Zeit immer schusseliger zu werden und irgendwann kann sie es nicht mehr verstecken, dass sie immer mehr vergisst.

 

Dass ROMYS SALON einer Kinderbuchvorlage entsprungen ist, vergisst man schnell, denn der Film vertraut seiner Hauptdarstellerin. Romy ist der Mittelpunkt und wir nehmen ihre Perspektive ein. Sie steht nicht im Schatten der Erwachsenen, wie man es von anderen “Kinderfilmen” gewohnt ist, sondern die Figur brilliert als Sympathieträgerin, weil sie mutig ist und nicht von Klischees getragen wird. 

Doch wo das Vertrauen schwächelt, ist in der Erzählweise des Films. So erklärt Romys Stimme aus dem Off Dinge, die man schon längst verstanden hat. Diese überflüssige Informationsquelle reißt den Zuschauer leider immer wieder aus der Geschichte und macht es umso schwerer, wieder hinein zu finden.

Wo aber der Film wieder Pluspunkte holt, ist die Darstellung der Krankheit von Oma Stine. Alzheimer ist ein schwieriges Thema und wird ungern thematisiert. Es ist wichtig, die ersten Anzeichen ernst zu nehmen und das stellt der Film authentisch und feinfühlig dar. Der Film nimmt vielleicht nicht die Angst, aber baut Hemmungen ab, über das Problem offen zu sprechen.

Und zum Schluss noch ein Tipp, den ich vorher gerne gehabt hätte: Taschentücher sollten bei diesem Film auf jeden Fall bereitliegen.

ROMYS SALON, ein herzerwärmendes Drama über eine Oma-Enkelin-Beziehung, die sich sensibel dem Thema Alzheimer widmet.

 

Erhältlich ab Mai auf DVD und als Stream!

 

>>> Meine Filmkritik auf YT

 

Regie: Mischa Kamp

Deutschland/Niederlande/90 Minuten


Das melancholische Mädchen (2019)

Es geht auch ohne Höhepunkt

Bild: © Salzgeber & Company Medien

In dem Film DAS MELANCHLOISCHE MÄDCHEN, den ich ungerne als Spielfilm, geschweigenden denn als Drama oder Komödie bezeichnen möchte, sucht das melancholische Mädchen in mehr als ein Dutzend Episoden nach einem Schlafplatz, während sie versucht ihre Schreibblockade zu überwinden.

 

Zu Beginn macht das melancholische Mädchen klar, mit der Hauptfigur identifizieren in diesem Film, ist nicht. Und ich sage, wer hier eine klassische Filmdramaturgie erwartet, für den ist der ganze Film nichts. Also beste Voraussetzungen für ein außergewöhnliches Kinoerlebnis.

Der Film erinnert mehr an ein Theaterstück, aber kein bitterernstes, sondern das melancholische Mädchen nimmt sich und ihre Umgebung mit Humor. Und wer sich davon nicht abgeholt fühlt, wird aber dann an den kunstvollen Sets dieses Filmes hängen bleiben. Theater zeigt einen Raum, Film ist immer nur die Behauptung von Raum. Diese Grenzen weicht DAS MELANCHLOISCHE MÄDCHEN so herrlich erfrischt auf, dass der film sich wohl verdient auch außerhalb des Spartenkinos bewegen kann.

 

Als Stream bei YouTube und Google Play ab 3,99 € erhältlich!

 

Regie: Susanne Heinrich 

Deutschland/80 Minuten


Heavy Trip (2018)

Sympathischer Heavy Metal vom finnischen Land

Bild: © Ascot Elite Filmverleih

Turo, Pasi, Lotvonen und Jynkky leben in einem kleinen Dorf in Finnland und sind eine Heavymetalband. Seit 12 Jahren haben sie für ihren ersten Auftritt im Keller geprobt, da präsentiert sich ihnen endlich eine Chance aufzutreten. Doch sind die vier wirklich schon bereit dafür?

 

Dieser Film ist nicht nur etwas für Metalfans. Natürlich geht es auch um die Musik, aber womit dieser Film wirklich punktet, sind diese vier sympathischen Jungs, die natürlich nichts mit dem bösen Metalklischee zu tun haben. Besser noch, der Film spielt perfekt mit diesen Klischees und ist dabei einfach nur unterhaltsam und witzig. Er erinnert in seinem Humor ein bisschen an BLUES BROTHERS (1980). Vielleicht ein etwas zu hoch gegriffener Vergleich, weil ich meine BLUES BROTHERS...es ist schwer an so ein Meisterwerk heranzukommen! Aber wer dort den Humor mochte, wird ihn hier auch mögen. Mal ganz davon abgesehen, dass sich die beiden Regisseur von den Anzugträgern im Auftrag des Herren inspirieren haben lassen...

Wirklich schade, dass es dieser Film nie wirklich großflächig ins deutsche Kino geschafft hat.

 

Zu sehen gibt es ihn aber als Stream mit deutscher Synchronisation auf Amazon, YouTube und GooglePlay ab 2,99 €.

 

Regie: Jukka Vidgren und Juuso Laatio

Belgien/Finnland/Norwegen/90 Minuten


Lindenberg! Mach dein Ding! (2020)

Alles klar im Deutschen Film?

Bild: © DCM Filmdistribution

Das wohlige, leicht kribbelige Gefühl, wenn nach einem Film die Lichter im Saal wieder angehen und einem die Bilder und Emotionen noch durch die Brust wandern und man weiß, dass man einen guten Film gesehen hat... Dieses Gefühl hatte ich mir auch von LINDENBERG! MACH DEIN DING! erhofft. Der Film bietet die besten Voraussetzungen. Er erzählt uns, wie schon der Titel vermuten lässt, die Zeit bevor Udo Lindenberg seinen Durchbruch als Sänger hatte. Der steinige Weg nach Oben wird gespickt mit Verweisen auf seine späteren Songs. Nur leider hat schon der Trailer ein flotteres Tempo versprochen und die Zeitpunkt der Veröffentlichung macht den Vergleich mit vorherigen Musiker-Biopics unvermeidlich, geradezu nötig. Das sorgt für einen sehr befangenen Kinostart, aber kommen wir zunächst zum Positiven. Die Rolle des jungen Lindenbergs scheint für den talentierten Hauptdarsteller Jan Bülow wie auf den Leib geschrieben. Er schafft es, Udo einen Charakter zu geben, der über Zweidimensionalität hinausgeht und überzeugt nicht nur durch die ungekämmte Perücke. Ebenso holt mich der Hamburger Kiez der 70er Jahre ab. Die Stimmung passt zu anderen Darstellungen dieser Zeit, auch wenn das Ganze vielleicht manchmal trotz der reichlichen Zigarettenrauchschwaden etwas zu brav wirkt. Der Film schafft es, den Zuschauer auf eine kleine, authentische Zeitreise mitzunehmen und kann das auch 2 Stunden lang durchziehen.

Und doch ist da das große Aber. Irgendwie springt der Funke einfach nicht über. Es wirkt so, als würde etwas fehlen. Der Film drückt mich nicht emotional in den Sessel. Er scheint am Herzen vorbeizugehen, ohne wirklich etwas Nachhaltiges dazulassen.

Vielleicht liegt das daran, dass der Film mit großer Konkurrenz antreten musste. BOHEMIAN RHAPSODY über Queen bzw. Freddy Mercury und ROCKETMAN über Elton John bedienen sich einer ähnlichen szenische Behandlung der Musikerleben und scheinen doch entscheidende Dinger besser zu machen. Es reichen wohl begabte Schauspieler und Atmosphäre manchmal einfach nicht aus für einen guten Film. Oder liegt es daran, dass ich persönlich kein Lindenberg-Fan bin? Ich weiß, geht ein nicht Lindenberg-Fan ins Biopic und meckert hinterher rum... Aber wenn es der Film allein darauf abgesehen hat, mit den guten alten Lindenberg-Songs zu punkten, um Erfolg zu haben, dann wäre das verdammt schwach.

Das würde auch den Gegnern von Deutschem Film direkt in die Hände spielen. Die Deutschen können nicht mal Film, wenn ihnen eine gute Story vor die Füße gelegt wird. Ungern möchte ich dieser Aussage hier zustimmen, aber bei diesem Biopic reicht es leider nur fürs Mittelmaß, trotz Newcomer Jan Bülow, den ich als einzigen guten Punkt aus dieser Filmerfahrung mitnehme. Da kann der charmante Hamburger Kiez, Charly Hübner als depressiver Säufer-Vater und Detlev Buck als schmieriger Musikproduzent auch nichts mehr retten! So gerne ich diese Gesichter auch mag, manchmal muss mal was Neues her, auch über die Hauptfigur hinaus.

 

Für ein paar Euro mehr als Stream bei Amazon Prime erhältlich!

 

Regie: Hermine Huntgeburth

Deutschland/136 Minuten


Goliath96 (2019)

Wenn die ganze Welt zu viel wird

Bild: © Little Dream Entertainment

Kristin kann sich eigentlich nicht beschweren. Sie ist beruflich erfolgreich, schafft es regelmäßig zum Sport und wohnt mit ihrem Sohn in einem schicken Haus. Wäre da nicht dieses kleine Detail. Ihr Sohn David hat seit zwei Jahren das Haus nicht verlassen. Er spricht nicht mit ihr, kommt nur noch nachts aus seinem Zimmer. Ein Umstand, an den sich Kristin irgendwie gewöhnt hat. Das heißt aber nicht, dass es weniger weh tut.

Im Japanischen bezeichnet man diese Art von Menschen als “Hikikomori”, was übersetzt so viel wie “sich einschließen” bedeutet. So hat sich auch David von allem abgekapselt. Nur ein Forum über Drachenbau ist eine der wenigen Kontakte nach draußen. Und somit Kristins einzige Chance ihren Sohn zurückzubekommen. Kurzerhand wird ein Fake-Profil erstellt und es klappt. Sie reden wieder miteinander. Doch jede Täuschung hat irgendwann ihr unvermeidliches Ende.

Der Film weiß genau, was man zeigen muss und was sich getrost durch Leerstellen erzählt. Die Einsamkeit von Mutter und Sohn präsentiert sich dem Zuschauer auf eine ehrliche und einfache Art, trotzdem lassen einem die wohl gewollten Länge nicht das Interesse an der Geschichte verlieren. So wie beide Zeit brauchen, um sich wieder an zu nähren, so braucht es auch der Film.

Eindrucksvoll stellt GOLIATH96 diese lähmende Angst vor der Welt da draußen dar und erzählt gleichzeitig die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn, wie sie schleichend, aber stetig aus den Fugen geraten konnte, ohne überhaupt einen Schuldigen finden zu wollen. Gut erzählt und empfehlenswert für verregnete Filmabend.

 

Erhältlich auf DVD und als Stream auf YouTube und GooglePlay ab 2,99 €.

 

Regie: Marcus Richardt

Deutschland/105 Minuten


Green Book (2019)

Von wegen Kreativkrise!

Bild: © Entertainment One Germany (eOne)

Das auf einer wahren Begebenheit basierende Drama GREEN BOOK spielt in den 1962 von Rassismus und Kaltem Krieg gebeutelten USA. Der begabte Pianist DR. Don Shirley benötigt für seine Konzerttour durch den Süden einen Fahrer und der Italoamerikaner Tony Lip braucht dringend einen Job. Diese mit reichlich Vorbehalten gespickte Zweckgemeinschaft entwickelt sich von Kilometer zu Kilometer zu einer tiefen Verbindung.

Obwohl ich auf die Oscars nicht ganz so viel gebe, ist jeder, den GREEN BOOK 2019 gewonnen hat, absolut verdient. Dieser Film ist rund mit einem Gefühl für das richtige Timing und doch kann er überraschen.

Die Figuren sind wesentlich komplexer, als sie es auf den ersten Blick vermuten lassen. Es steckt mehr hinter ihnen als der grobe, laute Italiener und der feine Herr Musiker.

Die Geschichte nimmt sich Zeit! Ganz genüsslich präsentiert er das Ausmaß, was es heißt, wenn ein schwarzer Musiker 1962 in den Süden der USA auf Tour geht. Rassistische Polizisten, getrennte Toiletten und Hotels und ein Publikum, was keines Falls liberal gegenüber Schwarzen ist, sondern einfach unterhalten werden möchte - von ihrem „Bimbo“. Das tut weh und man schämt sich für solch ein Verhalten. Man hat nicht das Gefühl, dass da etwas überspitzt, geschweige denn verharmlost wird. Man glaubt dem Film, der Geschichte und den Figuren!

Und dann kommt das Ende auch noch aus dem nichts, überfällt einen sogar vielleicht ein klein wenig. Zack, ist da der Schnitt auf Schwarz. Kein langes Zelebrieren, sondern ein harter Cut. So muss ein guter Film sein. Gute Geschichte, gut erzählt mit guten Schauspielern und fantastischen Bildern. Wo ist bitte die sogenannte Kreativkrise, von der immer gefaselt wird? Wenn es weiterhin immer noch solche Geschichten zu erzählen gibt, dann habe ich keine Bedenken für die Zukunft des Spielfilms. Bestes Beispiel? Siehe GREEN BOOK!

 

Erhältlich auf DVD und als Stream auf YouTube, Netflix und GooglePlay ab 2,99 €.

 

Regie: Peter Farrelly

USA/130 Minuten


Raus (2018)

Die Zivilisation einfach mal stumm schalten

Bild: © Farbfilm

Jeder hat zumindest schon einmal diesen Gedanken: Handy vergraben, Wohnung kündigen, Wanderrucksack packen und einfach raus hier. Mit diesem Thema befasst sich der Film mit dem passend kurzen Titel RAUS. Hier trifft Abenteuerurlaub auf Gesellschaftskritik.

Glocke ist ein Rebell. Zumindest erzählt er das Lena, um sie zu beeindrucken. Das klappt auch. Aber als er beim Abfackeln einer Luxuskarosserie erwischt wird und ein Video der ganzen Aktion auch noch viral geht, wird ihm das ganze zu viel. Er schließt sich einer Gruppe Jugendlicher an, die den Ausstieg suchen. Denn ein gewisser Friedrich sucht mit einem Internetaufruf Follower, nur in echt!

Starke Bilder und erstklassige Figurenarbeit lassen die zwei, drei Logikfehler schnell vergessen, denn hier geht es um viel mehr. Es geht um eine wunderbare Idee, um die Möglichkeit eines Neuanfangs. Dieser Film macht Lust, es den Jugendlichen gleichzutun. Das schafft er mit begabten Schauspielern, einer interessanten Geschichte und frischen Gesichtern.

 

Erhältlich auf DVD und als Stream auf YouTube und GooglePlay ab 2,99 €.

 

Regie: Philipp Hirsch

Deutschland/102 Minuten


Am Strand - On Chesil Beach (2018)

Eine gelungene Romanverfilmung?

Bild: © Prokino Filmverleih

Wir befinden uns im Jahr 1962 - Atombombenangst und kalter Krieg. In dieser Zeit verlieben sie Edward (Billy Howle) und Florence (Saoirse Ronan), auf den ersten Blick. Es scheint perfekt, sie lieben Musik, er mag es rockig, sie klassisch, aber hey, sonst wäre es doch langweilig. Sie scheinen sich gefunden zu haben. Die Heirat nur ein logischer Schritt von vielen. Doch so einfach ist das nicht. Zwischen nicht existenter sexueller Aufklärung, Traditionen und Zwängen, die sich die beiden selbst auferlegen, ringen sie mit ihrem ersten Mal in der Hochzeitsnacht. Bravo und das Internet noch Jahrzehnte entfernt. Und dieser Gedanke beschreibt es gut. Denn da ist niemand an den sie sich wenden können und so machen sie es mit sich selber aus. Dafür aber eigentlich zu jung und viel zu sehr verliebt.

Der Film lässt einen intensiv die Zeit spüren, in der er spielt. Gleichzeitig stellt er uns ruhig und behutsam das junge Paar vor. Es sind die Details, die dabei noch lange im Gedächtnis bleiben und uns die Unsicherheit, aber gleichzeitig die starke Bindung der beiden zeigen. Selten sieht man Detailaufnahmen im Film so gut eingesetzt. Immer nur kurz verweilen wir in dem Hotelzimmer, wo der Film beginnt und schauen voyeuristisch zu. Aber lang genug um die Spannung, die Vorfreude, aber auch Furcht der beiden zu spüren. Man schwankt zwischen Mitgefühl, Empathie und roten Wangen. Sprünge in die Vergangenheit fügt das Puzzle schlussendlich zusammen. Eine Erzählart, erfrischend und anders und doch passend. So gut erzählt, mit einem sensiblen Blick auf die kleinen wichtigen Dinge, zeigt AM STRAND eine junge Liebe, die nicht mehr und nicht weniger wollte als für immer zu bestehen und dabei über ihre Zeit, aber vor allem sich selbst stolperte. Definitiv mehr als eine Romanverfilmung!

 

Erhältlich auf DVD und als Stream auf YouTube, Amazon und GooglePlay ab 4,98 €.

 

Regie: Dominic Cooke

Deutschland/110 Minuten


Der goldene Handschuh (2019)

Mehr als nur Horror

Bild: © Warner Bros. GmbH

Wer DER GOLDENE HANDSCHUHE von Fatih Akin als bloßen Horror abtut, hat die gezielte und schonungslose Sozialstudie, welche sich um den großartigen Schauspieler Jonas Dassler (Fritz Honka) auftut, einfach verpasst, ignoriert, verschlafen, what ever... Akin zeigt hier nicht bloß den blutigen Werdegang einer Randexistenz auf dem Hamburger Kiez, sondern schockiert mit Hässlichkeit und eindrucksvollen Charakteren. Die Szenen lassen selten, wenn dann doch grausam gewählt, Platz für Interpretationen. So lässt mich dieser Film atemlos, aber mit dem guten Gefühl, etwas Echtes, etwas Wahres gesehen zu haben, zurück. Applaus, Applaus!

 

Erhältlich auf DVD und als Stream auf YouTube, Amazon und GooglePlay ab 13,99 €.

 

Regie: Fatih Akin

Deutschland/110 Minuten


01:54 (2017)

Ein Albtraum der unter die Haut geht

Bild: © Edition Salzeber

Früher war Tim (Antoine-Oliver Pilon) an seiner Schule für sein Lauftalent bekannt. Jetzt ist er Zielscheibe von Hänseleien und Beleidigungen bis in die sozialen Netzwerke hinein. Als sich durch das Mobbing auch sein bester Freund von ihm abwendet und ein schockierender Vorfall die gesamte Schule erschüttert, will Tim endlich handeln.

Dabei hat er das große Ego seines Peinigers im Visier. Dafür will er ihn beim nächsten Wettlauf der Schule auf der 800 Meter-Strecke schlagen.

 

Der Film 01:54 erzählt das Thema Mobbing und sein Vordringen auf Facebook und co. nicht neu. Aber er nimmt auch kein Blatt vor den Mund. Authentisch und direkt zeigt er, was die täglichen Angriffe mit einem Menschen machen. 01:54 ist in meinen Augen ein guter und vor allem wichtiger Film. In Tims schlimmsten Minuten bin ich ihm so nah wie einem guten Freund und würde mich am liebsten schützend vor ihn stellen. Obwohl der Film bis jetzt nur als Stream in Französisch mit deutschen Untertiteln zu sehen ist, lohnt er sich auf jeden Fall. Auf seine ehrliche und schonungslose Art zeigt er, was für den einen “nur” Spaß, für den anderen wie Folter sein kann. Bitte mehr davon!

 

Erhältlich auf DVD und als Stream (OmU).

 

Regie: Yan England

Deutschland/106 Minuten


Lord of the Toys (2019)

Auf den zweiten Blick

Bild: © Glotzen Off

Puh, da muss der Zuschauer mal Eigenleistung erbringen. Es wird ihm etwas gezeigt, aber die dazugehörige Meinung gar nicht mitgeliefert...

Der Dokumentarfilm LORD OF THE TOYS gibt weder durch Kommentar noch Thematisieren der Filmemacher eine Meinung vor, sondern lässt, wie man auf den ersten Blick denkt, die Kamera einfach laufen. Erst auf den zweiten offenbart sich das perfide Überschreiten einer Grenze des schwer Ertragbaren. Zwar bedient sich der Film altbewährter Methoden, wie das Schockieren durch Elend oder das Stilisieren seiner fragwürdigen Figuren, aber trotzdem lässt er sich von Berichten der "Öffentlichen Rechtlichen" klar abgrenzen, was der hitzige Diskurs, der nach seiner Veröffentlichung erfolgte, schon beweist. Auch stellt sich die Nähe zu den Protagonisten als Vorteil heraus. Es sind nicht nur die Rechten, die Nazis, die Dummen, sondern es sind junge Leute, die man plötzlich verstehen möchte, war man nur Minuten vorher von ihnen genervt und hatte sie abgeschrieben. Und der Film hat eine Meinung! Nur nicht vielleicht genau die, die von ihm erwartet wird und deswegen ist es wichtig, hier genauer hinzusehen. Der Film offenbart eine erschreckende Parallelgesellschaft, die nicht im Radar vieler YouTube-Algorithmen verläuft und so unsichtbar bleibt. Er zeigt wie Rechtsextremismus auch aussehen kann, ohne Stiefel und Glatze und das sollte Angst machen und nicht die Tatsache, dass sich die Filmemacher in ihrem Werk als eine neutrale Instanz inszenieren.

 

Erhältlich demnächst auf DVD und als Stream.

 

Regie: Pablo Ben-Yakov

Deutschland/100 Minuten


All I Never Wanted (2019)

Da will man echt nicht mehr Frau sein

Bild: © Cine Global

Dünner, jünger, sexier, nackter! Die Welt, in welcher die Mockumentary ALL I NEVER WANTED spielt, macht Angst!

Geschickt mischt das Werk von Annika Blendl und Leonie Stade dokumentarisches mit szenischem Material und das ist auch das Geniale daran. Der Film hält gekonnt eine haarscharfe Kritik an unserer oberflächlichen Gesellschaft bereit und ist dabei herrlich böse und erfrischend. Gleichzeitig sind die Parallelen zur Wirklichkeit unübersehbar und das ein oder andere Lachen, über so manch absurde Situationen, bleibt einem im Halse stecken.

Die Moralpredigt am Ende bleibt aber aus, obwohl das wohl viele erwarten. Das wirklich Wichtige ist aber schon davor passiert. Dieses Ende jetzt aber als Anlass zur Kritik zu nehmen, wäre wohl so fehl am Platz, wie das Verschließen der Augen vor dem Missstand unserer Gesellschaft, den ALL I NEVER WANTED bitterböse und dabei sehr unterhaltsam aufzeigt.

 

Der Film hatte seinen Kinostart am 12. Dezember 2019, läuft aber noch in ein, zwei Kinos! Leider noch kein Stream- und DVD-Start.

 

Regie: Annika Blendl, Leonie Stade

Deutschland/93 Minuten


A G'schicht über d'Lieb (2019)

Ein ungewöhnliches Paar

Bild: © Edition Salzgeber & Company Medien

Der deutsche Film A GSCHICHT ÜBER D’LIEB versetzt uns in die 50er Jahre aufs malerische Land. Doch was zunächst nach Heimatfilm aussieht, entpuppt sich schnell als Drama mit harter Kost. Denn das starke Band, was zwischen den Geschwistern Maria (Svenja Jung) und Gregor (Merlin Rose) besteht, geht weit über Geschwisterliebe hinaus. Gleichzeitig müssen die beiden gegen alteingesessene Traditionen ankämpfen, denn Maria ist nicht einverstanden mit der Rolle, die man für sie vorgesehen hat und auch Gregor sieht seine Zukunft nicht auf dem Hof seines Vaters.

 

Den Film wegen seines skandalösen Themas gleich abzustempeln, ist definitiv zu einfach!

Das historische Set nimmt einen sofort gefangen. Die charakterstarken Figuren wirken so selbstverständlich Teil davon, wie das Schweigen und die Fügsamkeit, die über das Dorf eisern wachen. Nur Maria, gespielt durch eine hervorragende Svenja Jung, scheint in ihrer Denkweise ihrer Zeit weit voraus. Das wirkt hier nicht unauthentisch, sondern macht ihre Figur umso interessanter.

Die Geschichte erzählt von dem Mut, seine Zukunft selbst zu gestalten, von einer unmöglichen Liebe, von Akzeptanz einer Bindung, die einem vielleicht fremd erscheint und von einem Land, das sich nach dem Krieg verschlossen hat. All das hat der Regisseur Peter Evers geschafft in 97 Minuten zu packen, ohne dass der Film überladen wirkt. Er hat es geschafft, alles zu sagen und doch Sachen offen zulassen, sodass für die Protagonisten noch viel möglich ist und man es wagt, ihnen alles Gute zu wünschen: Eine gelungene Gratwanderung!

So ist dieses Drama mehr als eine Geschichte über die Liebe, nämlich auch ein intensiver Blick auf die Nachkriegsgesellschaft.

 

Erhältlich demnächst auf DVD und als Stream

 

Regie: Peter Evers

Deutschland/97 Minuten


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